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Verwirrt? Vergesslich? Chemobrain?

Forschungen beweisen: Zytostatika sind nicht verantwortlich für die Symptome

Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, organisatorische Schwierigkeiten – viele Krebspatientinnen fürchten sich vor den Folgen einer Chemotherapie. Diese Beschwerden werden häufig unter dem Begriff „Chemobrain“ zusammengefasst. Doch ist die Chemotherapie wirklich die Ursache der kognitiven Einschränkungen? Nein, sagen neuere Forschungen. Psychologin Dr. Kerstin Hermelink, Klinikum der Universität München, erklärt, warum Chemobrain nicht viel mehr als ein Phantom ist, was die wahren Gründe für die Einschränkungen sind und wo Betroffene Hilfe finden.

Was ist unter dem Begriff Chemobrain zu verstehen?

Während und nach der Behandlung einer Krebserkrankung erleben viele Patientinnen nicht nur körperliche Nebenwirkungen, sondern auch Probleme mit ihrer geistigen Leistungsfähigkeit. Die Betroffenen berichten meist über kleinere Ausfälle und Fehler, die einzeln genommen eher harmlos erscheinen und auch jeder Gesunden passieren können, die aber ungewohnt häufig auftreten und das tägliche Leben beeinträchtigen. Typische Beschwerden sind Wortfindungsstörungen – mitten im Satz will einem das richtige Wort nicht einfallen, oder der Name eines Bekannten lässt sich einfach nicht erinnern. Auch sonst leiden betroffene Frauen unter Vergesslichkeit, sodass beispielsweise Termine und Aufgaben unerledigt bleiben und Dinge verlegt werden. Konzentrationsstörungen machen es schwer, Gesprächen zu folgen oder anspruchsvollere Texte zu lesen. Auch eine allgemeine Verlangsamung wird berichtet ebenso wie das Gefühl, sich gedanklich wie in einem Nebel zu befinden. Solche Beschwerden werden manchmal als sehr belastend und besorgniserregend erlebt. Glücklicherweise treten sie lange nicht bei allen Patientinnen mit einer Krebserkrankung auf.

Viele Krebspatientinnen machen für diese Probleme die Behandlung mit Zytostatika verantwortlich. Kann diese Annahme durch die Forschung bestätigt werden?

Lange Zeit – bis vor ungefähr zehn Jahren – wurde angenommen, dass die Beschwerden auf eine Schädigung des Gehirns durch die Chemotherapie zurückzuführen sind. Die Überzeugung ist entstanden, weil ein Teil der Patientinnen, die mit Chemotherapie behandelt worden waren, auffällig schlechte Ergebnisse in Tests des Gedächtnisses, der Konzentration und anderer kognitiver Fähigkeiten gezeigt hat. Auch verschiedene, eher geringfügige Auffälligkeiten des Gehirns wurden bei Patientinnen nach einer Chemotherapie festgestellt.

Zu welchem Schluss kommen neuere Analysen?

In neueren, größeren und methodisch besseren Studien hat sich dann aber gezeigt, dass auch Krebspatientinnen, die ohne Chemotherapie behandelt worden sind, in kognitiven Tests unerwartet schlecht abschneiden. Sogar vor Beginn der Behandlung erzielen Krebspatientinnen auffällig schlechte Testergebnisse, und auch Auffälligkeiten des Gehirns sind bereits vor der Therapie festgestellt worden. Neuere Metaanalysen – Studien, in denen die Daten aller Studien zum Thema insgesamt betrachtet werden – stimmen darin überein, dass Krebspatientinnen unabhängig von einer Chemotherapie ein Risiko für eine Beeinträchtigung ihrer kognitiven Fähigkeiten haben. Die Bezeichnung „Chemobrain“ ist also falsch – Chemotherapie ist ganz sicher nicht die alleinige Ursache der Probleme. Die objektiv nachweisbaren Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen bei Krebspatientinnen sind übrigens eher mild, und sie treten nur bei einem Teil der Patientinnen auf.

Zu welchem Ergebnis kamen Sie in Ihren Studien?

Wir haben zwei große Studien mit insgesamt mehr als 300 Teilnehmerinnen aus mehreren Kliniken in und um München durchgeführt. Die Ergebnisse wurden mittlerweile in wichtigen Fachzeitschriften (Journal of the National Cancer Institute, Cancer, Psycho-Oncology) veröffentlicht. In beiden Studien haben wir kaum Hinweise darauf gefunden, dass die Chemotherapie kognitive Funktionen schädigt. Wir konnten aber nachweisen, dass traumatische Belastung durch eine Krebserkrankung zu Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen führt.

Kommt diese Erkenntnis für Sie überraschend?

Nein, denn es ist bekannt, dass extremer Stress durch ein traumatisches Ereignis erhebliche Veränderungen des Gehirns bewirkt. Nun erleben alle Krebspatientinnen eine große psychische Belastung, und für einen Teil der Patientinnen nimmt die Belastung die Ausmaße eines Traumas an. Es wäre eher verwunderlich, wenn das, was Krebspatientinnen erleben, keine Auswirkungen auf ihre kognitiven Funktionen hätte: Unser Gehirn ist keine Maschine: Es arbeitet und verändert sich in Abhängigkeit von vielen Einflüssen.

Hat sich denn die Überzeugung, dass die Psyche eine größere Rolle spielt als bisher angenommen, schon durchgesetzt?

Nachdem klar geworden ist, dass die Vorstellung vom Chemobrain falsch ist, hat es einen Umbruch in der Forschung gegeben, der noch nicht beendet ist. Zurzeit gibt es viele verschiedene Ansichten. Auch Forscher ändern ihre Meinung ungern und gar nicht so wenige unserer Wissenschaftlerkollegen halten trotz aller widersprechenden Daten daran fest, dass die Chemotherapie die Hauptursache kognitiver Störungen bei Krebspatientinnen ist. Wir sind für unsere Ergebnisse von solchen Forschern heftig angegriffen worden, haben die Kritik aber gut widerlegen können.

Was sind denn gegenwärtig die Annahmen zu den Ursachen der kognitiven Störungen?

Allgemein setzt sich gegenwärtig die Vorstellung durch, dass bei der Entstehung kognitiver Störungen viele Faktoren eine Rolle spielen, darunter psychische Belastung, aber möglicherweise auch Entzündungsreaktionen, die durch den Tumor selbst ausgelöst werden u. v. m. Bei allen Unterschieden gibt es aber zumindest in einer Frage auch Übereinstimmung: Von den Patientinnen selbst berichtete, subjektive kognitive Probleme hängen sehr eng mit dem psychischen Befinden und vor allem mit Depressivität zusammen, während nur bei wenigen dieser Patientinnen auch auffällige Testergebnisse gefunden werden. Die Datenlage dazu ist eindeutig und das schon von Beginn der Forschung an.

Wie kann Betroffenen geholfen werden?

Den meisten Patientinnen würde nicht damit geholfen, wenn man sie zu einer neuropsychologischen Abklärung ihrer Beschwerden schickt. Stattdessen ist es erst einmal wichtig zu schauen, wie es den Patientinnen insgesamt geht. Wie gesagt ist es sehr gut nachgewiesen, dass subjektive kognitive Störungen eng mit dem psychischen Befinden zusammenhängen. Wer noch überwältigt ist von Krankheitserfahrungen und Therapieerlebnissen, kann keinen klaren Kopf haben! Ein erster Schritt wäre ein Gespräch mit einer Psychoonkologin. In Reha-Kliniken wird oft kognitives Training angeboten, und auch das kann für viele Patientinnen hilfreich sein. Immerhin waren die meisten von ihnen lange krankgeschrieben und haben in dieser Zeit ihre kognitiven Fähigkeiten wahrscheinlich weniger trainiert als sonst. Empfehlenswert sind auch Bewegung und Sport, weil sie die Stimmung heben, Fatigue entgegenwirken und das Allgemeinbefinden verbessern, was auch für kognitive Fähigkeiten gut ist. Man würde Patientinnen nach einer Krebstherapie aber auch raten, zunächst einmal keine übertrieben hohen Erwartungen an ihre kognitive Leistungsfähigkeit zu haben – wie der Körper braucht auch der Geist Erholung von der Erkrankung und der Therapie. Endlose Geduld aber sollte keine Patientin haben müssen: Wenn kognitive Probleme bestehen bleiben, sollte sie sich nicht damit abfinden, sondern psychoonkologische Unterstützung suchen.

Quelle: Leben? Leben! 1/2019

25.04.19