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Früherkennung bei Prostatakrebs als Lebensaufgabe

Mit 47 Jahren erkranken die ehemaligen Handballspieler, Uli und Michael Roth, an Prostatakrebs. Inzwischen sind die Zwillingsbrüder zehn Jahre krebsfrei. Ebenso lange engagieren sie sich für die Krebsfrüherkennung.

Wie sind Sie und Ihr Bruder, Uli, damit umgegangen, als Sie 2009 kurz nacheinander mit der Diagnose Prostatakrebs konfrontiert waren? Was hat Ihnen in dieser Zeit Kraft gegeben?

Ich war ja der erste von den eineiigen Zwillingen und das war natürlich eine Schockdiagnose, mit der man sicherlich nicht gerechnet hat. Wir waren und sind von Anfang an immer sehr vorbildlich, was Vorsorge angeht. Das hat uns letztendlich auch, mal ein bisschen übertrieben gesagt, das Leben gerettet, dass wir regelmäßig beim Urologen waren. Aber auch durch Leistungssport hast du ein ganz anderes Empfinden für deinen Körper, weil du automatisch jedes Jahr zu einer großen Untersuchung gehen musst. Und dann hast du auch den Anspruch als Leistungssportler gesund zu sein.

Und trotzdem war die Diagnose unglaublich hart: das erste Mal selbst mit Krebs in Verbindung zu kommen. Man hat es natürlich schon oft gelesen und auch gehört. Dann denkt man, na ja gut, das sind die anderen, mich kann es ja eigentlich nicht treffen. Und dann trifft es einen selbst. Das ist dann ein Riesenschock, wenn man erst mal über den Tod nachdenkt, über Chemotherapie, über Lebenseinschränkungen, über zwei Schlagworte, die es bei Prostatakrebs gibt: Inkontinenz und Impotenz. Das ist natürlich etwas, was du mit 47 eigentlich nicht hören möchtest. Deswegen war der Schock sehr groß.

Was uns von Anfang an Halt gegeben hat: Wir Zwillinge sind sehr eng verbunden und haben uns gegenseitig gestützt und natürlich die Familie.

Im selben Jahr haben Sie sich bereits an die Öffentlichkeit gewandt und persönliche Sorgen und Ängste über mögliche Folgen der Erkrankung offen geteilt. Seitdem engagieren Sie sich für Früherkennung von Prostatakrebs. Was ist Ihnen dabei besonders wichtig? Was haben Sie schon alles erreicht?

Erreicht haben wir sehr viel. Ich muss dazu sagen, dass wir am Anfang, genau wie viele andere Männer auch, die Diagnose eigentlich für uns behalten wollten, weil wir nicht „die klassischen Krebsopfer“ sein wollten. Weil wir durch den Sport auch ein bisschen bekannter sind als andere. Und wir wollten auch nicht dastehen als die, die den Krebs besiegt haben oder auch nicht, je nachdem. Aber wir haben dann selbst gemerkt, dass das Thema Prostatakrebs ein absolutes Tabuthema bei Männern ist, auch was die Vorsorge angeht. Es gibt zu viele Männer, die sich davor scheuen und nicht hingehen. Und jedes Jahr sterben immer noch ziemlich viele Männer an der Krankheit.

Und dann haben wir gemerkt, wenn man darüber redet, wenn man sich zum Thema offen zeigt, auch innerhalb der Familie, innerhalb des Freundeskreises, dass es einem selbst guttut. Das hat einen doppelten Effekt: einmal für die Psyche ganz wichtig, d. h., wir helfen uns selbst damit, wenn wir sehr offen damit umgehen. Auch damit hinter unserem Rücken nicht getuschelt wird: Hat er eine Windel an? Hat er keine Windel an? Ist er trocken? Ist er nicht trocken? Hat er noch Sex? Hat er keinen Sex? Wenn man darüber redet, ist es einfach besser. Das war auch ein Beweggrund.

Der Zufall, wie das immer so ist, war, dass ein befreundeter Medienmann dann gesagt hat: Wenn ihr beiden Leistungssportler das öffentlich machen würdet, dann könntet ihr unheimlich viel bewegen. Das haben wir am Anfang nicht so ernst genommen. Aber es war dann tatsächlich so, dass wir gemerkt haben, nach der ersten Fernsehsendung z. B., dass das unheimlich positiv rüberkommt, dass wir viele Männer und viele Urologen glücklich gemacht haben, weil sie gemerkt haben, dass doch viele jüngere Männer auch zur Vorsorge gehen. Das ist nach wie vor unser Steckenpferd seit zehn Jahren, dass wir sehr viel Aufklärungsarbeit leisten und auf Vorsorge- und Früherkennungskampagnen fahren, um die Männer wachzurütteln, dass sie sich mehr um ihren Krempel kümmern als sie es bisher getan haben.

Deswegen haben wir jetzt auch unser zweites Buch geschrieben nach zehn Jahren, ein Informationsbuch über Prostatakrebs, unsere Geschichte, die weitergeht. „Hurra, dass wir noch leben“, heißt das Buch. Und das soll natürlich auch noch mal Mut machen für Männer, damit sie wissen, der Krebs kann einfach da sein, man merkt ihn nicht. Und den kann man, heute noch mehr als vor zehn Jahren, sehr gut operieren und kann sein Leben letztendlich retten damit.

Wie war es nach Behandlung und Rehabilitation zurück in den Alltag zu finden? Wie hat sich Ihr Leben verändert?

Es gibt da ein paar ganz wesentliche Dinge, die sich ändern. Wenn du einmal Krebs hattest, ist es immer in deinem Kopf – nicht unbedingt Angst, aber der Respekt davor, dass der Krebs wiederkommen kann oder auch was anderes kommt, weil man einfach weiß, es ist reell. Es bleibt immer im Kopf. Und da ist die Frage: Wie geht man damit um?

Wir beide haben versucht, dieses Treiben, dieses auf der Überholspur zu leben, ein bisschen einzuschränken. D. h., wir sind jetzt nicht mehr die Letzten, die von der Party weggehen, sondern vielleicht sogar die ersten. Und ich persönlich mache es immer so, dass die Freizeit, die man hat, also die Zeit, die man eigentlich für sich haben kann, auch optimal nutzt. Das machen ja viele Menschen auch nicht – dass sie immer erreichbar sind für ihren Chef, dass sie immer noch die E-Mail-Accounts lesen, dass sie immer Stress haben …

Deswegen haben wir gesagt, man hat jetzt Samstag/Sonntag frei, dann sollte man das planen wie einen normalen Termin. Einfach sagen, ok, was will man machen, was tut einem gut. Und das versuchen wir eigentlich seit Jahren zu machen. Dass man immer wieder Kraft tanken kann, seinem Körper die Ruhe gibt und dem Geist, um einfach voll mobil zu bleiben.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Inwieweit spielt Prostatakrebs dabei eine Rolle?

Wir sind beide noch voll berufstätig. Ich bin Nationaltrainer von Bahrain, das ist noch mal ein kleines Abenteuer am Ende meiner Karriere. Und mein Bruder ist noch voll aktiv im Musik- und Veranstaltungsmanagement. Das wollen wir noch machen, wollen aber auch nicht so spät aussteigen. Ich will mich spätestens mit 62 ausschließlich um mich selbst kümmern.

Die Zukunft ist natürlich so, dass wir uns nach wie vor als Lebensaufgabe verschrieben haben: Solange uns noch jemand zuhört, immer wieder dafür zu sorgen, dass man das Thema Prostatakrebs bzw. Vorsorge ernst nimmt. Das ist zu unserer Lebensaufgabe geworden, die wir auch sehr gerne wahrnehmen.

Quelle: Befund Krebs 3/2020

23.02.2021