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100 Meter in sechs Minuten – Sportliche Herausforderungen für Lungenerkrankte

Der silberne Kochtopf mit den schwarzen Henkeln vor ihr bewegt sich auf Schulterhöhe langsam und etwas zittrig von rechts nach links, ich ahme nach. In der glatten Oberfläche spiegelt sich der Holzesstisch mit der blauen Tischdecke, umgeben von der gepolsterten Eckbank. Die in Blautönen gehaltene Zeichnung einer Person auf einem Berg an der weißen Wand taucht regelmäßig hinter meinem Rücken auf. Das Kochgeschirr wandert von einer Seite zur anderen, dazu ist mein linkes Bein ausgestreckt und bildet eine Linie mit dem Holzstuhl, auf dem ich sitze.

„Pause. Drei Mal pro Seite, mehr ist aktuell nicht drin. Genauso wenig wie das Beinheben – für dich kein Problem, Yannik, für mich nicht möglich.“ Neben mir klickt und zischt es in regelmäßigen Abständen, vergleichbar mit dem manuellen Aufpumpen eines Fahrrads.

Auf dem Weg hierher habe ich schon gerätselt, was wohl auf mich zukommt. Ulli hatte gerade die Post geholt, als ich angekommen bin. Zusammen sind wir die fünf Stufen zu ihrer Haustür hochgestiegen – was bei Ulli schon etwas länger gedauert hat. Ich erinnere mich direkt an die Aufgabe, die sie mir vor unserem Treffen gegeben hatte. Um mich besser in ihre Lage versetzen zu können, sollte ich mit einem Strohhalm im Mund und einer Wäscheklammer auf der Nase eine Treppe hochlaufen. Ein Treppenabsatz fühlte sich an wie fünf.

„Und deshalb“, sagt Ulli halb lachend, halb hustend, „kann man den Alltag aus meiner Perspektive schon als Sport bezeichnen.“ Wenn sich der Weg zum Briefkasten schon wie ein Marathon anfühlt, wie will man sich dann noch zum „richtigen“ Sport aufraffen? „Zum Vergleich für dich: 100 Meter laufe ich in sechs Minuten.“

Seit mehr als 25 Jahren leidet sie an einer Lungenerkrankung und erhält eine Langzeit-Sauerstofftherapie – daher rührt auch die Geräuschkulisse. Entzündete Atemwege bedingen eine Verengung von Bronchien und Bronchiolen. Gleichzeitig kommt es zu Auswurf, Husten und Atemnot. Ulli legt den Kochtopf beiseite, das Zischen und Klicken im Hintergrund fällt gar nicht mehr auf.

„Viele schaffen es nicht mal mehr, sich um einen geregelten Alltag zu kümmern“, bedauert sie, ein kurzes Husten unterbricht sie. „Vom Bett auf die Couch und wieder zurück. Man muss den inneren Schweinehund überwinden. Ich hatte gar keine Zeit, meinen Alltag zu vernachlässigen. Wenn ich ihn nicht erhalten hätte, wer weiß, wie es heute mit mir ausschauen würde. Jetzt gibt es Lungensportgruppen, in denen gemeinsam trainiert wird – allerdings viel zu wenige.“ Obwohl der Bedarf doch ganz klar da sei, z. B. für all die COPD-Erkrankten.

Die Zahlen aus dem Jahr 2010 sprechen von immerhin 6,8 Millionen Betroffenen in Deutschland. „COPD ist eine progressive Krankheit, bei der nur die Symptome behandelt werden können. Durch regelmäßiges Training, auch zu Hause, kann die allgemeine Lebensqualität nachweislich verbessert werden“, erklärt die Ehrenvorsitzende der Deutschen Sauerstoff- und BeatmungsLiga LOT, ein Verein, der Betroffenen Hilfe zur Selbsthilfe mittels regelmäßiger Treffen in Gruppen anbietet. Nur so kann man im Hinblick auf die eigene Gesundheit etwas bewegen – auch wenn es zu Beginn nur ein silberner Kochtopf ist.

Yannik Lurz, München

Quelle: COPD & Asthma 2/2020

14.12.2020