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Stillen fördert Gesundheit von Mutter und Kind

Stillen fördert Gesundheit von Mutter und Kind

Sicher hat jede (werdende) Mutter schon einmal gehört oder gelesen, dass Stillen das Beste für ihr Baby ist. Doch in unserer Gesellschaft haben wir das Stillen noch nicht als etwas Selbstverständliches etabliert, das bis auf wenige Ausnahmen mit guter Unterstützung gelingt.

Was spricht also für das Stillen?

Zunächst einmal fördert es kurzfristig die Gesundheit des Kindes: gestillte Kinder haben – selbst über das Abstillen hinaus – ein stabileres Immunsystem, d. h. sie leiden seltener und weniger ausgeprägt an Infektionen der oberen und unteren Atemwege (von der Erkältung bis zur Lungenentzündung), des Mittelohrs sowie des Magen-Darm-Traktes. Auch der plötzliche Kindstod ist seltener bei Kindern, die gestillt werden im Vergleich zu solchen, die mit künstlicher Säuglingsmilch ernährt werden.

Auch im späteren Leben wirkt die Ernährung noch nach: Kinder, die gestillt wurden, erkranken später seltener an Asthma, Allergien, Bluthochdruck, Arterienverkalkung, Diabetes, Übergewicht und Leukämien. Sogar auf den IQ und das spätere Durchschnittseinkommen wirkt sich das Stillen positiv aus und nicht zuletzt fördert es die Mutter-Kind-Bindung.

Dabei profitiert auch die Mutter sowohl kurz- als auch langfristig vom Stillen: Sie hat in der ersten Zeit nach der Geburt weniger Blutungen und Rückbildungsstörungen, ihr Gewicht normalisiert sich schneller und sie hat lebenslang ein geringeres Risiko, an Brust- oder Eierstockkrebs, Bluthochdruck, Arterienverkalkung, Osteoporose, Übergewicht und Diabetes zu erkranken. Nicht zuletzt ist das Familienleben auch leichter, wenn die Kinder und Mütter gesünder sind. Bei all diesen gesundheitlichen Vorteilen des Stillens gilt: je länger die Mutter stillt, desto deutlicher ist der Effekt.

Alle diese Aspekte zeigen deutlich, dass Stillen die „artgerechte“ Ernährung des menschlichen Kindes ist und vielfältigen Nutzen für alle Beteiligten bringt. Dennoch obliegt die Entscheidung über die Ernährung des Babys individuell den Eltern. Neben einigen wenigen medizinischen Gründen, weswegen eine Mutter ihr Baby nicht stillen sollte (z. B. während einer Chemotherapie oder bei einer HIV-Infektion in Ländern, in denen hygienisch sichere Ersatznahrung verfügbar ist), gibt es auch ganz persönliche Gründe, die Mütter dazu bewegen können, dass sie ihr Baby nicht stillen möchten. Es ist wichtig, dass diese sowohl vom persönlichen Umfeld der Mutter als auch vom medizinischen Personal respektiert und akzeptiert werden und dass die Mutter ebenso kompetent wie wertschätzend begleitet wird wie eine stillende Mutter!

Hebammen und Stillberaterinnen unterstützen Mütter

Hat eine Mutter aber die Entscheidung zum Stillen getroffen, wie kann dies dann also gelingen?

Zunächst einmal steht jeder Mutter schon in der Schwangerschaft, während der Geburt und der gesamten Stillzeit die Betreuung durch eine Hebamme zu und dies wird vollständig von den Krankenkassen finanziert. Lokale Hebammenlisten sind z. B. in den Frauenarztpraxen verfügbar.

Bei den grundsätzlichen Fragen rund ums Stillen und bei häufig auftretenden Problemen kann die Hebamme schnell und kompetent helfen. Wichtig ist auch Unterstützung durch andere Mütter, z. B. in einer Stillgruppe vor Ort, die über Organisationen wie die LaLecheLiga oder die Arbeitsgemeinschaft freier ausfindig zu machen sind. Hier können Mütter neben dem Austausch mit anderen Stillenden auch Beratung durch ehrenamtliche Stillberaterinnen bekommen.

Treten Schwierigkeiten auf, die die Mutter mit ihrer Hebamme gemeinsam nicht lösen kann, empfiehlt es sich, eine Spezialistin fürs Stillen, eine Still- und Laktationsberaterin IBCLC, hinzuzuziehen. Dies sind Fachleute im Gesundheitswesen, die eine umfangreiche Weiterbildung zu allen Fragen des Stillens absolviert haben und auch bei komplizierteren Fragestellungen sachkundig Hilfe leisten können. Eine IBCLC finden Sie über den Berufsverband deutscher Laktationsberaterinnen (BDL).

Was ist nun für eine Mutter, die ihr Baby stillen möchte, wichtig zu wissen? Neben der Beratung durch das oben beschriebene Fachpersonal gibt es einige Grundlagen, die schon im Vorfeld wissenswert sind:

Zunächst einmal ist die einzige Vorbereitung, die es in der Schwangerschaft braucht, dass die werdende Mutter Kontakt mit einer Hebamme für die Betreuung vor und nach der Geburt sucht und sich selbst über die wichtigsten Fakten zum Stillen informiert, denn mit ein wenig Information geht vieles schon im Vorfeld leichter.

Je nach persönlicher Vorliebe gibt es hier neben dem Gespräch mit der Hebamme gute Informationsquellen unterschiedlichen Umfangs, z. B. über das Netzwerk Gesund ins Leben im Bundeszentrum für Ernährung BZfE oder auch gute Ratgeber in Buchform.

Wie oft und wie lange soll das Baby trinken?

Zehn hilfreiche Tipps kann man auch bei der Initiative Babyfreundlich der WHO und UNICEF nachlesen. Diese „Zehn Schritte“ sind Behandlungsstandard in Geburtskliniken, die nach dem o. g. internationalen Gütesiegel als „babyfreundlich“ zertifiziert sind: Schon im Kreißsaal oder im OP beim Kaiserschnitt ist es wichtig, dass das Baby nach der Geburt ungestört Haut auf Haut mit der Mutter kuscheln kann, bis es das erste Mal an der Brust gesaugt hat. Idealerweise passiert dies in der ersten Stunde nach der Geburt. Auf der Entbindungsstation und später zu Hause wird die Milchbildung gut in Gang gebracht, indem das Baby immer dann, wenn es selbst nach der Brust sucht, möglichst gleich und ohne zeitliche Begrenzung an der Brust trinken darf. Schwestern und Hebammen helfen hier den Müttern, die frühen Signale des Babys zu erkennen, damit es nicht erst lange weinen muss. Weinen verbraucht unnötig Energie und kann Körpertemperatur und Blutzucker negativ beeinflussen.

„Meldet“ sich das Baby von allein mindestens acht Mal in 24 Stunden und saugt dann jeweils gut, kann die Mutter ganz nach den Signalen des Kindes stillen. Wichtig ist hierbei zu wissen, dass die Häufigkeit und Dauer der Stillmahlzeiten keinem festen Rhythmus entsprechen müssen und normalerweise nicht von außen beschränkt werden sollten. Das Baby sollte also so oft und so lange an der Brust saugen, wie es das verlangt – vorausgesetzt, der Mutter geht es gut dabei. Schwestern und Hebammen helfen der Mutter, dass das Baby mit der richtigen Technik saugt, denn wenn dies gut funktioniert, ist Stillen nicht schmerzhaft und die Mutter lernt schnell zu sehen und zu hören, wie das Baby effektiv saugt und schluckt.

Manche Babys sind in den ersten Tagen noch sehr müde und „verschlafen“ zeitweise ihren Hunger. Damit auch diese Babys gut mit Nährstoffen versorgt sind und die Milchbildung gut in Gang kommt, ist es in diesen Fällen notwendig, das Baby auch zum Trinken zu wecken. Mindestens acht Stillmahlzeiten in 24 Stunden sind notwendig, um die Milchbildung gut zu etablieren. Wichtig zu wissen ist, dass hierbei kein fester zeitlicher Abstand zwischen den Mahlzeiten erforderlich ist. Hat sich das Baby über mehrere Stunden häufig gemeldet, kann es dann auch länger schlafen, entscheidend ist die Anzahl der Mahlzeiten über den Tag verteilt.

Hat die Mutter in den ersten Tagen gute Unterstützung erfahren, passt sich die Menge der gebildeten Milch schnell an den Bedarf des Kindes an. Wenn das Baby wächst, wird es sich möglicherweise häufiger melden als gewohnt, aber das Angebot der Mutter passt sich auch in solchen „Wachstumsschüben“ innerhalb weniger Tage der Nachfrage des Kindes an, wenn die Mutter weiter „nach Bedarf“, d. h. nach den Bedürfnissen des Babys stillt.

Mit guter fachlicher Begleitung sind so ca. 98–99 % aller Mütter in der Lage, ihr Kind erfolgreich zu stillen. Treten Probleme auf, ist es wichtig, dass die Mutter möglichst frühzeitig die oben beschriebenen Möglichkeiten der Unterstützung wahrnimmt.

Wie lange sollten Kinder gestillt werden?

Normalerweise brauchen Babys in den ersten sechs Monaten keine zusätzliche Nahrung außer Muttermilch. Mit sechs Monaten sollten die Eltern dem Baby zusätzlich zum Stillen die sogenannte Beikost in Form von Brei und/oder Fingerfood anbieten. Auch hier können Hebamme und IBCLC gut beraten. Schriftliche Informationen hierzu gibt es auch über das Netzwerk Junge Familie.

Wichtig ist, dass die Einführung von Beikost nicht mit dem Abstillen gleichzusetzen ist. Für das Baby ist es gut, wenn es auch beim Übergang zum Familientisch weiter gestillt wird. Die Stilldauer insgesamt bestimmen Mutter und Kind ganz individuell nach ihren Bedürfnissen. Als Richtschnur hat die Weltgesundheitsorganisation WHO hierzu international die Empfehlung herausgegeben, bis zum Alter von zwei Jahren zu stillen und darüber hinaus, solange Mutter und Kind es beide wünschen.

Beim sogenannten natürlichen Abstillen nimmt das Bedürfnis des Kindes nach der Brust immer weiter ab und damit geht auch die Milchbildung zurück, sodass die Stillbeziehung so irgendwann von ganz allein endet. Möchte die Mutter die Stillbeziehung vorher beenden oder muss sie dies aus medizinischen Gründen, z. B. wegen einer schweren Erkrankung, können auch hier Hebamme und/oder IBCLC den Abstillvorgang beratend und helfend begleiten, damit die ganze Familie den Entwicklungsschritt des Abstillens gut miteinander gehen kann.

Jeanette Vocht IBCLC
Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Berufsverband Deutscher Laktationsberaterinnen IBCLC BDL e. V.

Quelle: Deutsches Magazin für Frauengesundheit 3/2020

03.02.2021