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Experteninterview mit Herrn Prof. Dr. med. Michael A. Nauck

Im folgenden Interview möchten wir Ihnen Herrn Prof. Dr. med. Michael A. Nauck vorstellen. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats dieses Ratgebers und stand der Redaktion bei der Erstellung mit seinem Fachwissen beratend zur Seite.

Herr Prof. Nauck, warum haben Sie sich für den Arztberuf entschieden und was hat Sie bewogen, sich auf die Diabetologie zu spezialisieren?

In meinem letzten Schuljahr hatte ich die Gelegenheit, den Bruder eines Klassenkameraden zu Lehrveranstaltungen des ersten Semesters im Medizinstudium zu begleiten. Die erste Vorlesung betraf die menschliche Physiologie. Ich versprach mir von einer Vertiefung dieser Studien tiefe Einsichten in die Funktionsweise des menschlichen Körpers und beschloss, mich für das Medizinstudium zu bewerben. Während meines Studiums hatte ich die Möglichkeit, über ein Stipendium einen Auslandsaufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika zu absolvieren. Da die Studiengebühren so teuer waren, dass ich nicht Medizin studieren konnte, begann ich ein wissenschaftliches Studium im Schwerpunkt Onkologie und lernte hier die Grundbegriffe der Biochemie kennen. Aus diesen ersten Erfahrungen wurde später in Deutschland meine Doktorarbeit, in der es um die hormonelle Regulation des Zuckerstoffwechsels der Leber ging. Aus diesem physiologisch-biochemischen Interesse entstand der Wunsch, sich klinisch in der Weiterbildung zum Internisten weiter mit Fragestellungen des Stoffwechsels zu beschäftigen. Von da zur Diabetologie war es nur noch ein kurzer Schritt. In der Tat hat sich bereits mein allererstes Forschungsprojekt in der Universitätsklinik Göttingen unter Prof. Creutzfeldt mit Fragen der Diabetologie beschäftigt.

Welche Mechanismen können Herzerkrankungen bei Diabetes begünstigen?

Hohe Blutzuckerwerte alleine begünstigen atherosklerotische Veränderungen der Gefäße mit der Folge eines erhöhten Risikos für Herzinfarkte, Schlaganfälle und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Linksherzinsuffizienz. Beim typischen Patienten mit Typ-2-Diabetes mit Übergewicht, Insulinresistenz, arterieller Hypertonie, Fettstoffwechselstörung kommt noch ein gewichtiger „Cluster“ von Risikofaktoren hinzu, sodass bei diesen Patienten das Risiko besonders erhöht ist. Bei Typ-1-Diabetes ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen i. d. R. erst dann deutlich erhöht, wenn der Diabetes eine Nierenschädigung im Sinne einer Nephropathie ausgelöst hat. Unter dem Strich steht ein um den Faktor 3-5 erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Dies ist ein Angriffspunkt für wichtige therapeutische Bemühungen in der Therapie aller Diabetesformen.

Sie haben sich u. a. mit dem Zusammenhang zwischen der Medikamentengabe und Herzerkrankungen beschäftigt. Welche Auswirkungen können von Medikamenten ausgehen?

Medikamente können günstige, aber auch ungünstige Auswirkungen auf Herzerkrankungen haben. Schwierig ist es immer dann, wenn die Medikamente für einen ganz anderen Zweck eingesetzt werden (z. B. zur Senkung des Blutzuckers) und mit einem Potenzial für Nebenwirkungen im Herz-Kreislauf-Sektor gar nicht gerechnet wird. Ein typisches Beispiel für schädigende Wirkungen ist das Thiazolidindion Rosiglitazon, was jetzt in Deutschland nicht mehr verwendet wird, von dem man sich ursprünglich deutlich protektive Wirkungen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Diabetes erhofft hatte. Eine andere Substanzklasse, bei der sich die Diskussion schon Jahrzehnte hinzieht, sind die Sulfonylharnstoffe. Das hängt damit zusammen, dass es sowohl in den Langerhansschen Inseln des endokrinen Pankreas als auch im Herz-Kreislauf-System Rezeptoren für diese Sulfonylharnstoffe gibt. Mechanistisch können Sulfonylharnstoffe in bestimmten Situationen schaden. Ob dies langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der mit solchen Medikamenten behandelten Patienten hat, ist trotz vieler Untersuchungen zum Thema immer noch nicht endgültig geklärt. Im Prinzip gehen wir aber davon aus, dass die meisten Antidiabetika, d. h. Medikamente, die den Blutzucker senken sollen, einen neutralen oder sogar günstigen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit von Krankheitsereignissen kardiovaskulärer Art besitzen.

Welchen Einfluss hat der Lebensstil auf den Diabetes?

Ein gesunder Lebensstil zeichnet sich aus durch eine angemessene Kalorienzahl und das Vermeiden exzessiver Aufnahme von Fett oder raffiniertem Zucker, aber zeichnet sich auch durch regelmäßige körperliche Aktivität mit einem gewissen Trainingscharakter aus. Wer in diesem Sinne gesund lebt, hat ein geringes Risiko, einmal Typ-2-Diabetes zu bekommen und ist weitgehend vor Übergewicht und seinen gesundheitlichen Folgen geschützt. Auch wenn man einen Typ-2-Diabetes entwickelt, können Veränderungen des Lebensstils im Sinne einer gesünderen Lebensführung den Blutzucker deutlich senken und den Stoffwechsel kontrollieren helfen. Gelegentlich kann bei erfolgreicher Lebensstil-Änderung sogar auf Medikamente verzichtet werden. In jedem Stadium eines Typ-2-Diabetes gibt es die Notwendigkeit, Essverhalten und Intensität der körperlichen Aktivität auf die Therapie des Diabetes abzustimmen.

Welches sind Ihrer Meinung nach die erfolgversprechendsten Forschungsansätze in der Diabetestherapie und welche Erwartungen haben Sie bezüglich zukünftiger Möglichkeiten?

Das erste Jahrzehnt nach 2000 war ganz eindeutig das Zeitalter der Inkretin-basierten Diabetestherapien, sei es in Form von GLP-1-Rezeptoragonisten wie Exenatide, sei es in Form von DPP-4-Hemmstoffen wie Sitagliptin, Vildagliptin, Saxagliptin und Linagliptin. Auch die schnelle Normalisierung einer diabetischen Stoffwechsellage nach bariatrischer Chirurgie (insbesondere Magen-Bypass-Chirurgie) ist wahrscheinlich auf die Wirkung von in diesem Fall endogen ausgeschüttetem GLP-1 (also einem Inkretinhormon aus dem Darm) zurückzuführen. Diese Medikamente haben Standards gesetzt, indem sie eine gute blutzuckersenkende Wirkung entfalten, aber nicht überschießend Unterzuckerungszustände hervorrufen können. Von Patienten besonders geschätzt wird die Tatsache, dass das Körpergewicht sich durch die Therapie nicht verändert oder sogar die Chance hat, deutlich gesenkt zu werden. Die geschilderten Medikamentenklassen können wahrscheinlich noch optimiert werden, d. h. dass zukünftige Wirkstoffe noch günstigere Eigenschaften aufweisen können. Das ist vermutlich derzeit die erfolgversprechendste Linie der Entwicklung neuer Diabetesmedikamente. Hinzu kommen vielleicht die Liganden für G-Protein-gekoppelte Rezeptoren, z. B. GPR 40, 119 bzw. 120. Interessanterweise scheint auch in deren Wirkmechanismus die Ausschüttung von GLP-1 eine gewisse Rolle zu spielen.

Herr Prof. Nauck, wir danken für dieses Gespräch.

Quelle: Ratgeber Diabetes Folge- und Begleiterkrankungen 2013

27.02.14

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