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Von der Krebsdiagnose zum positiven Perspektivwechsel

Wie alles begann

„Die Histologie hat ergeben, dass sich auf Ihrem linken Eierstock Krebszellen befinden… leider bösartige.“ Als ich diese Worte hörte, ganz plötzlich und unerwartet, fiel die Welt in sich zusammen. Es war der 30.05.2018. Der Tag, an dem ich meine Krebsdiagnose bekam – endometrioides Adenokarzinom des linken Eierstocks. Das Datum brannte sich in mein Gedächtnis ein, wie es wohl bei allen Betroffenen der Fall ist. Nie werde ich den Tag vergessen. Alles, was ich ein paar Momente zuvor als selbstverständlich ansah, war plötzlich über den Haufen geworfen. Absolutes Chaos und noch mehr Ängste und Sorgen.

Die Diagnose war ein Zufallsbefund nach einer Bauchspiegelung, die ich zwei Wochen zuvor durchführen ließ, um den seit vier bis fünf Jahren im Raum stehenden Verdacht auf Endometriose abzuklären. Und ja, ich hatte Endometriose. Nur leider blieb es nicht bei dieser Diagnose. Da saß ich nun bei meiner Gynäkologin mit meinen gerade einmal 36 Jahren und hatte die Hiobsbotschaft meines Lebens erhalten.

Gleichzeitig war ich unglaublich glücklich, dass ich auf mein Bauchgefühl gehört hatte, das mich dazu brachte, diese lang aufgeschobene Bauchspiegelung endlich durchzuführen. Es hätte viel schlimmer sein können, wie sich dann nach meiner sechsstündigen Totaloperation in der Frauenklinik herausstellte.

Leitliniengerecht wurden mir beide Eierstöcke, die Gebärmutter, Teile des Bauchfells und diverse Lymphknoten entfernt und ich konnte tumorfrei operiert werden. An der Oberfläche des Dickdarms waren spärliche Tumorinfiltrate abgetragen worden, was mich in meinem Staging leider von FIGO IA hin zu FIGO IIIA hochstufte. Dies wiederum hatte zur Folge, dass ich nicht um eine Chemotherapie herumkam.

Wieder brach ein Stück meiner nicht mehr ganz so heilen Welt zusammen, da die Hoffnung doch unglaublich groß war, diese gefürchtete Chemotherapie nicht antreten zu müssen. Darüber hinaus war ich von jetzt auf gleich in meine Menopause katapultiert. Keine Eierstöcke, keine Hormone. Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Depressionen, Ängste begleiteten mich in der ersten Zeit, was den Umgang mit der Diagnose verständlicherweise nicht besser machte. Ich erinnere mich nicht gerne zurück an die Zeit im Krankenhaus und doch begann genau dort meine wunderbare Metamorphose, von der ich nie gedacht hätte, dass ich nun ein Jahr später so stolz und lebensbejahend darauf zurückblicken darf.

Die Behandlung

Neben der Operation erhielt ich eine adjuvante Chemotherapie mit insgesamt sechs Zyklen und jeweils drei Wochen Pause dazwischen. Zuvor erfolgte auf der linken Seite die Portkatheterimplantation. Am 22.08.2018 war für mich wieder Tag X und ich trat meine erste Chemotherapie an. In der Tagesklinik wurde zunächst nach den Blutwerten geschaut, ob diese chemotauglich sind. Alle Lichter standen auf grün und es durfte losgehen. Meine Therapie dauerte acht Stunden. Eine sehr lange Zeit, in der ich mir vorstellte, wie die rosa Armee einmarschiert und die letzten Krebszellen – sofern noch vorhanden – aus meinem System entsorgt.

Mit Ach und Krach überstand ich dann am 04.01.2019 meine sechste und somit letzte Chemotherapie. Den dreiwöchigen Zyklus konnte ich nicht einhalten, da meine Leukozyten nicht hinterherkamen. Mit allerlei Unterstützung und etwas Verzögerung war dann aber der letzte Zyklus geschafft und dieses Gefühl war unglaublich erleichternd und kraftspendend. Nun endlich war es geschafft und ich durfte mich wieder meinem Leben widmen. Und dieses Leben wollte gestaltet werden.

Immer an meiner Seite war mein Mann, der mich in allem unterstützt hat und mir während dieser harten Zeit stets den Rücken freihielt. Dafür bin ich ihm unglaublich dankbar. Man darf in solchen Phasen nie unterschätzen, was gerade auch Partner, Familie und Freunde da leisten. Meine Wertschätzung dafür ist nicht in Worte zu fassen, mein Herz wird ganz warm bei diesem Gedanken und meiner Meinung nach leistet genau diese Unterstützung und emotionale Teilhabe einen essenziellen Beitrag für die Genesung. Das Gefühl, nicht alleine mit seinen Ängsten und Sorgen zu sein, darüber zu sprechen, was in einem selbst vor sich geht und natürlich auch beim Partner, spendet Trost und gibt wieder nötiges Vertrauen.

Der Perspektivwechsel

Ich sprach zuvor von der Metamorphose, dem Perspektivwechsel, den mir diese Diagnose brachte. Mich hatte von Beginn an eine Frage meines Psychoonkologen begleitet: „Welchen Nutzen haben Sie von der Krankheit?“ Zu diesem Zeitpunkt wäre ich ihm am liebsten an die Gurgel gesprungen, aber ich verstand. Mein Leben war nunmehr anders als zuvor, aber es war ein Leben. Und Leben bedeutet Veränderung. Das wollte ich mir lange Zeit nicht eingestehen. Ich war so sehr in meiner Komfortzone verschanzt, dass ich nur noch von Enge, Ängsten und Sorgen kontrolliert wurde. Das zu erkennen, anzunehmen und dann tatsächlich zu ändern, war ein sehr anstrengender und schmerzhafter Prozess für mich. Doch was bin ich glücklich, mir alles genau angeschaut zu haben. Ballast aus der Vergangenheit, Erinnerungen, Erwartungen von außen, die permanent auf einen einprasseln. Nein, nein, es war genug. Ich erkannte, dass der Krebs meine Chance und meine „Wildcard“ war, alles neu zu gestalten, alte Verhaltensmuster infrage zu stellen und auszusortieren.

Welche nutzen mir noch und welche nicht? Ich übernahm wieder Verantwortung für mein eigenes Leben, suchte mir Experten auf den unterschiedlichsten Gebieten, erhielt Shiatsu Massagen, Akupunktur, suchte mir Heilpraktiker sowie Physiotherapeuten und ergänzte die schulmedizinische Therapie und Nachsorge entsprechend meiner Bedürfnisse. Meine Ernährung stellte ich um, mehr Gemüse und Obst, und nahm zusätzlich Vitamine und Mineralstoffe ein – natürlich mit vorangegangenen Blutkontrollen. Sogar während der Chemotherapie bewegte ich mich mindestens 30–60 Minuten täglich oder machte leichte Übungen im Fitnessstudio, da mir die Bewegung und die frische Luft guttaten und meinem stetigen Gewichtsabbau entgegenwirkten. Es bestärkte mich, da ich tatsächlich bis heute keine Fatigue habe. Ich weinte, war traurig und wütend, machte mir Luft und lernte, dankbar für die kleinen Dinge zu sein. Die Dankbarkeit begleitet mich bis heute und ich bin sehr froh darüber, Krebs möglichst ganzheitlich betrachtet und eben nicht nur auf die schulmedizinische Behandlung vertraut zu haben. Das war für mich der richtige Weg und muss nicht für andere gelten.

Die eigenen Bedürfnisse

Doch das war nur die Spitze des Eisbergs. Ich habe so sehr Gefallen daran gefunden, mich mit mir und meinen Bedürfnissen zu beschäftigen, dass ich es mir gar nicht mehr anders vorstellen kann. Das gehört nun zu mir, zur Ines 2.0. Meine geliebte Ananas habe ich zu meinem positiven Anker gemacht, die ich zu jeder Chemotherapie aß. Jedes Mal, wenn ich nun eine Ananas sehe, kann ich einfach nur lächeln und glücklich sein. Es geht darum, das Leben mit Süße zu versehen, auch wenn es gerade alles andere als süß und schön erscheint.

Dieses furchtbare Stigma, welches mit Krebs einhergeht, funktionierte für mich nicht. Hatte ich Todesangst, als ich die Diagnose bekam? Absolut! Doch mit der zurückgewonnenen Selbstverantwortung und den unsagbar vielen Stellschrauben, die man drehen kann, kam auch das Urvertrauen Stück für Stück zurück. Mich ärgert der gesellschaftliche fest verankerte Glaube, dass Krebs gleich Tod bedeutet. Mit diesem Thema wird so viel Angst geschürt. Ja, es sterben Menschen an Krebs. Das will ich nicht schönreden. Auch in meiner Familie war das der Fall. Und doch glaube ich, wollte mir die Diagnose genau eines sagen: Kümmere dich mal wieder mehr um dich selbst. Du hast es verdient, dass es dir gut geht. Ich liebe dich, dein Leben!

In meinem Blog „Perspektivwechsel | 36“ berichte ich ausführlich immer über meine Erfahrungen und den Umgang mit der Diagnose mit dem Ziel, Hoffnung in dieses Thema zu bringen und Angst zu nehmen.

Ines Dobschat

Quelle: Leben? Leben! 4/2019

25.03.2020