curado
Sie sind hier: Startseite » Krankheiten » Krebs » Krebs allgemein » Partnerschaft und Sexualität bei Krebs » Krankheit und deren Einfluss auf die Beziehung und Partnerschaft

Krankheit und deren Einfluss auf die Beziehung und Partnerschaft

Eine Paarbeziehung gleicht schon in Zeiten ohne Krankheitseinflüsse oft einem Drahtseilakt. Die Scheidungsquote und Anzahl der Singlehaushalte sind deutliche Merkmale dafür. Schon der berühmte „Männerschnupfen“ kann für manche Beziehung eine arge Belastungsprobe sein. Noch viel gravierender sind die Auswirkungen intensiverer Krankheiten. Basis des folgenden Artikels sind 15 Jahre Erfahrung in einer psychosomatischen Praxis.

Auch ohne eine Krankheit verläuft eine Paarbeziehung in verschiedenen Phasen. Hier eine komprimierte Zusammenfassung ohne Berücksichtigung der vielfältigen Einflussfaktoren wie z. B. kultureller oder religiöser Hintergründe, vorhandener Kinder oder Altersunterschiede usw.

Erste Phase: die Verliebtheit
Zweite Phase: Ankommen in der Realität
Dritte Phase: Macht und gegenseitige Erziehung
Vierte Phase: Raum für sich
Fünfte Phase: Da war doch noch was?

In allen Phasen stellt die zwischenmenschliche Kommunikation einen unermesslichen Wert dar. Können die Beteiligten offen und ehrlich miteinander reden, so können vielseitige Belastungen bewältigt werden.

Spätestens ab dem Moment einer Krankheitsdiagnose sollten intensive Gespräche stattfinden. Genau jetzt könnte der richtige Moment sein, um sich über Themen wie Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und Nachlassregelung zu unterhalten. Dies hat dann überhaupt nichts mit fehlender Zuversicht, Pessimismus oder Ähnlichem zu tun. Das Gegenteil ist der Fall: Je klarer diese elementaren Themen besprochen sind, umso mehr Kraft und Energie bleibt übrig, um mit den Belastungen der Krankheit umzugehen.

Patienten und deren Angehörige berichten mir immer wieder über recht eigenwillige Umgangsformen mit der Krankheit selbst und den nahen Angehörigen. Es wird nicht über die Diagnose bzw. den Krankheitsverlauf gesprochen, nur um jemand anders vermeintlich zu schützen. Dieser Mensch spürt zwar ganz genau „da ist noch was“, traut sich aber selbst auch nicht, zu fragen. Es entsteht eine unbewusste Dynamik des Misstrauens und Totschweigens.

Eine Frau berichtete, dass seit der Krebsdiagnose der Mann auf einmal ganz liebevoll und fürsorglich geworden ist: „Genauso habe ich ihn mir schon immer gewünscht.“ Das mag für den Augenblick ein angenehmer Zustand sein, steht jedoch einer Heilung unbewusst im Weg, denn wenn die Krankheit überstanden ist, wie wird er dann sein? Es fehlt die offene Kommunikation über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Die Fürsorglichkeit des Partners ist möglicherweise gar nicht so sehr auf den Kranken bezogen, sondern eher eine Überkompensation der eigenen Hilflosigkeit.

Merkwürdig kann auch der Umgang mit den oft vorhandenen Verlustängsten sein. Ein allzu übertriebener Optimismus oder ein völlig überzogenes „positives Denken“ kann die Folge sein. Gesünder wäre es, sich die Ängste bewusst zu machen und in einem therapeutischen Prozess zu klären. Finden solche Verdrängungsmechanismen oder Überkompensationen über einen längeren Zeitraum statt, kann die eigene Somatisierung, d. h. eigene psychosomatische Erkrankung, nach der vermeintlich überstandenen Krise die Folge sein.

Hier eine kurze Zusammenfassung der Probleme im Umgang mit einer Krankheit:

Bei/für Patienten:

Hier steht der Verlust der Unabhängigkeit und Unversehrtheit ganz oben. Dann folgen die eigene Hilflosigkeit und Ohnmacht, verbunden mit der Schwierigkeit, echte Hilfe annehmen zu können, denn die Einstellung „alles alleine machen“ ist noch viel zu verbreitet.

Es kommt noch der Verlust an Privatsphäre und evtl. Intimität dazu. Der Wechsel vom liebevollen Partner als Bezugsperson dahin, fremde Menschen in die Wohnung zu lassen oder sich sogar am gesamten Körper waschen zu lassen, kann eine enorme Belastung darstellen.

Bei/für Angehörige:

Es ist schwer, den schleichenden Verlust der Autonomie des geliebten Menschen miterleben zu müssen. Vielen fällt es auch schwer, die Rolle als pflegender Angehöriger abzugeben oder, je nach Krankheitsverlauf, auch mit den eigenen Schuldgefühlen oder Versagensängsten umzugehen. Schwierig sind auch Anspruchsdenken und Erwartungen nach dem Motto „reiß dich mal zusammen“ oder auch „das hättest du doch schaffen können“ und Ähnliches.

Beide:

In Krankheitsphasen ist es oft besonders schwierig, Nähe zuzulassen, beide meinen es zwar gut mit dem anderen, jeder kommt sich jedoch abgelehnt vor. Sich nach außen stark zu geben, innerlich jedoch eine große Schwäche zu spüren ist nicht nur äußerst anstrengend, sondern auch unehrlich.

Hilfreich kann es sein, offen und ehrlich zu sich selbst und den Menschen im Umfeld zu sein. Wenn zwei gemeinsam wütend, traurig und enttäuscht sind, kann neue Nähe entstehen und Kraft zur Heilung freigesetzt werden.

Die Rückmeldung eines Paares nach einer einwöchigen Intensivtherapie kann exemplarisch sein: Wir haben jetzt erst erfahren, welche Mechanismen unbewusst in uns tatsächlich gewirkt haben und wie selbstzerstörerisch das war. Von einer zu großen Bedürftigkeit und übertriebenen Fürsorge sind wir jetzt zu einer offenen und ehrlichen Kommunikation gekommen. Als Folge sind wir körperlich deutlich entspannter und spüren eine deutliche Nähe.

HPPsych Bert Heuper

Quelle: Befund Krebs 1/2020

23.07.2020