curado
Sie sind hier: Startseite » Krankheiten » Krebs » Brustkrebs » Diagnose Brustkrebs: Unvollkommen vollkommen » Diagnose Brustkrebs – „Die Zeit genießen, in der es einem gut geht“

Diagnose Brustkrebs – „Die Zeit genießen, in der es einem gut geht“

Anfang 2015, ich war gerade 50 Jahre alt geworden, spürte ich etwas in der rechten Brust. Dieses Etwas fühlte sich ähnlich an wie ein Milchstau, den ich nach der Geburt meines Sohnes rund 13 Jahre zuvor bemerkte. Also habe ich dem zunächst keine große Bedeutung beigemessen und vermutet, dass sich das alles in Wohlgefallen auflöst. Einige Zeit später, als nichts Derartiges geschah, wurde mir die Sache dann zu mulmig – ich ging zur Frauenärztin.

Ihre Vermutung war sofort ein Tumor, und sie stellte unverzüglich den Kontakt zur Gynäkologischen Ambulanz in einem Klinikum her, das ein zertifiziertes Brustkrebszentrum hat. Zum Glück, denn ich war wie vor den Kopf geschlagen und konnte kaum noch denken, und wenn, dann nur in die Richtung „jetzt ist das Leben vorbei“.

Die weiteren Untersuchungen und Gespräche fanden – neben den Ärzten – mit einer sogenannten Brustschwester statt, die dabei ungeheuer hilfreich war. Hier hatte man insgesamt das Gefühl, nicht allein gelassen zu sein. Sämtliche Behandlungsschritte (Biopsie, Port-Operation, Vorbereitung und Durchführung der Chemotherapie, Lymphknotenoperation, Brustoperation (ohne Wiederaufbau), Bestrahlung und immer wieder Arztgespräche) wurden von dort detailliert geplant und besprochen, auch mit den Angehörigen. Man musste sich tatsächlich um nichts selbst kümmern, was in so einer Situation sehr hilft.

Mein Brustkrebs ist von der aggressiven Sorte, war schon sehr groß, hat bereits sämtliche Lymphe befallen und ist leider in die Knochen metastasiert, aber die drei verschiedenen hoch dosierten Chemotherapien haben recht gut angeschlagen. Natürlich hatte ich mit sämtlichen Nebenwirkungen zu kämpfen, auch keine Haare mehr, aber das sah ich als das geringste Problem an – es gibt ja hübsche Mützen. Die Haare sind übrigens inzwischen wieder wunderbar nachgewachsen.

In der Zeit der Chemotherapie richtete ich mir in unserem Haus ein separates Zimmer ein, das kaum jemand betreten durfte, denn ich wollte die Zyklen unbedingt einhalten, ohne mir zusätzliche Keime einzuhandeln. Diese strenge Hygiene hat funktioniert. Außer Familienangehörigen wollte ich in diesem knappen halben Jahr niemanden sehen – mein Kontakt zur Außenwelt funktionierte über Whatsapp und Mails, und das reichte mir tatsächlich. Ab und zu bin ich in unseren Garten gegangen, das hat mir auch geholfen.

Gute Freundinnen haben während dieser Zeit die sogenannte „Dienstagspost“ eingeführt: Jeden Dienstag stand ein kleines Geschenk, versehen mit guten Wünschen, vor der Tür. Das alles hat mir sehr geholfen, am Leben weiterhin teilzunehmen. Mit meinem Arbeitgeber blieb ich über Mails in Kontakt und habe so ein wenig weiterarbeiten und beraten können (ich war als Personalleiterin tätig), wenn es mir gut ging.

Die Schule meines Sohnes bzw. seine Lehrer wurden informiert, sodass er bei Bedarf dort auch eine gute Betreuung gehabt hätte. Es war aber letztlich nicht erforderlich, da wir in der Familie immer wieder ausführlich über alles gesprochen haben.

Insgesamt sind wir in der Familie und mit Freunden und Bekannten und auch bei der Arbeit sehr offen mit dem Thema und allen Schritten umgegangen und waren grundsätzlich nach dem ersten Schock und der Trauer und Unsicherheit optimistisch und sind es auch heute noch. Diese Einstellung hilft sehr!

Interessant ist, dass sich aber während dieser akuten Phase „die Spreu vom Weizen trennt“, was (vermeintliche) Freunde betrifft: Ca. ein Drittel aller früheren Freunde war überfordert und letztlich nicht mehr wirklich interessiert, sodass wir sie dann konsequent aus unserem Leben verbannt haben. Und damit geht es uns jetzt richtig gut.

Aufgrund der Knochenmetastasen werde ich aktuell noch mit Pamidronat behandelt, und Trastuzumab sowie Tamoxifen und sämtliche Vorsorgeuntersuchungen stehen nach wie vor auf dem Plan. Alles ist recht gut zu vertragen; es leiden nur die Zähne/der Kiefer, Fingernägel und Augen etwas und man ist öfter als früher und schneller müde, aber das ist alles im Vergleich zur eigentlichen Erkrankung gut zu ertragen.

Zwischenzeitlich habe ich meine anstrengende Tätigkeit aufgegeben und arbeite ein wenig beratend im Personalbereich, aber nur noch dann, wenn ich das möchte; ich wurde als schwerbehindert eingestuft und beziehe eine AU-Rente. Mir geht es gut, ich bin dankbar, dass bis jetzt alles so positiv läuft, dass mein Sohn bald erwachsen ist und diese schlimme Krankheitsphase gut und ohne Schaden überstanden hat und ich zusammen mit meinem Mann noch alles machen kann, was uns beiden gefällt.

Ein ganz wichtiger Punkt seit der Diagnose ist das Tagebuchschreiben. Dies habe ich bereits früher getan, als ich noch sehr jung war, es dann aber wieder eingestellt. Jetzt hat mir das Aufschreiben aller meiner Sorgen und Ängste, das Notieren der Dinge, die mir wichtig sind und die ich gerne noch erleben möchte und das Nachdenken über den Tod in meinem Tagebuch sehr viel mehr geholfen als es ein Psychoonkologe, zu dem man in „meinem“ Klinikum automatisch geschickt wird, hätte tun können. Genauso habe ich mich nicht von Mitpatientinnen, die mit ihrer Erkrankung nicht so gut umgehen konnten und sich entsprechend äußerten, „runterziehen“ lassen.

Aus diesem Grunde weigerte ich mich auch, eine Kur zu absolvieren. Gesundes Essen und moderaten Sport, wie es in der Reha vorgelebt wird, führe ich zu Hause durch. Außerdem ging es mir zu Hause im Kreise meiner Familie und Freunde deutlich besser als unter fremden Menschen in einer fremden Umgebung. Das ist auch heute noch so, und darüber bin ich sehr froh. Das muss allerdings jede Frau für sich selbst entscheiden, wie sie am besten mit so einer schweren Erkrankung umgeht.

Das Tagebuchschreiben kann ich jedoch grundsätzlich jeder Frau, die gerne schreibt, sehr ans Herz legen. Es beruhigt und strukturiert die Gedanken. Was ich weiterhin mache, ist u. a. das Bemalen von Steinen (siehe Bild). Auch hier erwirbt man eine gewisse Ruhe, die helfen kann, wenn man das Malen mag.

Mein momentanes Fazit: Aktuell bin ich so zufrieden, wie es sich gerade darstellt. Natürlich kann jederzeit wieder etwas passieren, das wissen wir alle, aber man sollte schauen, dass man die Zeit genießt, in der es einem gut geht, und hier Dinge macht, die man sich wünscht zu tun.

Claudia Hofmann

Quelle: Leben? Leben! 2/2020

24.09.2020