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Dysphagie – ein häufiges Problem

Unter dem Begriff Dysphagie verstehen Mediziner das Vorliegen einer Schluckstörung. Diese kann beim Essen und/oder Trinken auftreten, aber auch beim Herunterschlucken des eigenen Speichels. Bei 30 bis 40 % aller von MS Betroffenen kommt es der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) zufolge im Laufe der Zeit zu einer Dysphagie.

Im Allgemeinen sind Schädigungen der Nerven infolge der MS die Ursache für die Schluckstörung. Daher sprechen die Ärzte in diesem Fall auch von neurogenen, also durch die Nerven verursachten Dysphagien. Am Schluckakt, der zu einem Teil willkürlich, zum anderen Teil jedoch genauso unwillkürlich abläuft wie das Atmen, ist nämlich eine Vielzahl von Nerven beteiligt. Und obwohl jeder Mensch das Schlucken von Geburt an beherrscht, ist der Transport von Nahrung oder Flüssigkeit in den Magen ein komplizierter physiologischer Prozess.

Der Schluckvorgang

Das Schluckzentrum des menschlichen Körpers liegt im verlängerten Mark, einem Abschnitt des Hirnstamms, in dem sich die Nervenbahnen befinden, die das Gehirn mit dem Rückenmark verbinden. Das Schluckzentrum ist über verschiedene Hirnnerven mit dem Gehirn verbunden. Dieses Zentrum ist u. a. dafür zuständig, die mehr als 50 Muskeln in Mund, Rachen und Speiseröhre zu aktivieren, die am Schluckvorgang beteiligt sind. Eng mit dem Schluckzentrum arbeitet auch das Zentrum im verlängerten Mark zusammen, das für den Hustenreflex zuständig ist. Dieser wird z. B. ausgelöst, wenn „sich jemand verschluckt“, also beim Schluckvorgang fälschlicherweise Nahrung oder Flüssigkeit in die Luftröhre statt in die Speiseröhre gerät. Normalerweise wird die Luftröhre beim Schlucken durch den Kehldeckel verschlossen, sodass dies nicht passieren kann.

Der willkürliche Teil des Schluckvorgangs spielt sich im Mund ab: das Kauen und Zerkleinern der Nahrung, die mit Speichel vermischt wird, damit sie geschmeidig über die Speiseröhre in den Magen gleiten kann. Die Speichelproduktion läuft dabei unwillkürlich ab. Das Schlucken der Nahrung wird willkürlich eingeleitet – so befördert i. d. R. die Zunge den Nahrungsbrei zur Rachenhinterwand, von wo aus er in die Speiseröhre gelangt. Die Speiseröhre transportiert die Nahrung oder Flüssigkeit durch unwillkürliche Muskelbewegungen bis zum Mageneingang, wo sie schließlich in den Magen eintritt. Innerhalb von 24 Stunden schluckt ein Erwachsener bis zu 2.000 Mal – am Tag häufiger als in der Nacht.

Wie äußert sich eine neurogene Dysphagie?

Auf eine neurogene Dysphagie können verschiedene Beschwerden hindeuten. Oft ist zunächst der vermehrte Drang, sich zu räuspern, das erste Indiz für eine Schluckstörung. Hinzu kommen kann bei Mahlzeiten das Gefühl, dass das Essen im Hals stecken bleibt. Häufiges Husten beim Essen und Trinken oder auch nur beim Schlucken vom Speichel und eine belegte Stimme sind weitere Symptome. Ab einem bestimmten Zeitpunkt kann das Essen so schwer fallen, dass die Betroffenen möglichst wenig Nahrung zu sich nehmen oder bestimmte Nahrungsmittel meiden. Gewichtsabnahme ist oft die Folge. Gelangt Nahrung oder Flüssigkeit aufgrund der Schluckstörung in die Luftröhre und anschließend in die Lunge, kann dies eine Lungenentzündung hervorrufen.

Therapiemöglichkeiten

Dysphagien bei MS können bislang nur symptomatisch behandelt werden, da es noch kein Heilmittel für die Grunderkrankung gibt. Die Therapie ist abhängig von der Art der Schluckstörung. So hat sich bei übermäßigem Speichelfluss der DGN zufolge die Einnahme eines Anticholinergikums bewährt, das die Tätigkeit der Speicheldrüsen hemmt. Öffnet sich der obere Schließmuskel der Speiseröhre nicht mehr richtig, können u. U. Injektionen von Botulinumtoxin A hilfreich sein, das den Muskel erschlaffen lässt. Möglicherweise ist jedoch auch eine Operation notwendig, bei der der Muskel durchtrennt wird. Gerät beim Schlucken neben Speisen und Getränken ständig Speichel in die Luftröhre, denkt der Arzt u. U. irgendwann über das Legen einer sog. geblockten Trachealkanüle nach. Das ist eine Kanüle, die in die Luftröhre eingelegt wird und das Einatmen von Speichel oder anderen Fremdkörpern verhindert. Diese wird entfernt, wenn der Patient nach Einüben bestimmter Schlucktechniken keinen Speichel mehr einatmet.

Bei den meisten neurogenen Schluckstörungen verordnet der Arzt zuerst eine Schlucktherapie (sog. funktionell-orientierte Schlucktherapie). Trainiert werden dabei Muskeln, die am Schluckvorgang beteiligt sind. Zunächst stimuliert der Schlucktherapeut bei Bedarf die Muskeln, anschließend muss der von der Dysphagie Betroffene gezielt Bewegungen durchführen, mit denen z. B. physiologische Schluckbewegungen ermöglicht werden sollen. Weiterhin gibt es noch die sog. kompensatorischen Verfahren der Schlucktherapie, bei denen z. B. durch gezielte Bewegungen des Kopfes oder Änderungen der Haltung das Schlucken angeregt wird. Auch adaptive Verfahren zählen zur Schlucktherapie, d. h., die Nahrung wird in ihrer Konsistenz an die (Schluck-) Möglichkeiten des Betroffenen angepasst. In vielen Fällen bekommen die Betroffenen durch diese Maßnahmen ihre Schluckstörung in den Griff.

Quelle: BMS 3/12

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