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Aktiv bleiben trotz Handicap

„Natürlich endet nicht jeder von uns im Rollstuhl“, sagte die junge an MS erkrankte Christiane Zink, die uns im letzten Heft Befund MS ihre Krankheitsgeschichte erzählte. Die Statistik gibt ihr Recht: Die EDSS (Expandede Disability Status Scale) zeigt, dass rund 70 % der Patienten im Alter von 50 Jahren noch keine Gehhilfe benötigen, um 100 Meter weit zu gehen.

Die Angst vor eingeschränkter Mobilität ist jedoch ständiger Begleiter. Und wenn es doch soweit kommen sollte?

Auch dann gibt es Positives: Mehr denn je können Menschen in dieser Situation auf Hilfsmittel zurückgreifen, mit denen sie ihr Wohlbefinden und ihre Aktivität aufrechterhalten. Integration als Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Leben von Menschen ohne Behinderung wird heute in der Politik großgeschrieben. Doch rechtliche Rahmenbedingungen sind nicht alles, die sozialen und humanitären Bedürfnisse sind Sache der Gemeinschaft und des Einzelnen. Hier gilt es, Barrieren im Umgang miteinander abzubauen, zu kommunizieren, das eigene „Anders-Sein“ zu akzeptieren und dadurch Verständnis zu erlangen, sich nicht einzuigeln, sondern unter Menschen zu gehen: im Sport, in der Kultur, im Alltag. Um das zu erleichtern, gibt es nicht nur moderne Technik, sondern auch Beratung und finanzielle Unterstützung.

Öffentliche Verkehrsmittel

Rollstuhlfahrer benötigen die Unterstützung von Servicepersonal und den Einsatz eines Hublifts, um einen Zug zu besteigen. Über die Mobilitätsservice-Zentrale kann (und sollte) diese Unterstützung bei vielen Bahnhöfen im Voraus gebucht werden. Auch Fahrkarten können hier gekauft sowie Sitz- und Rollstuhlplätze reserviert werden. Für Personen mit einem GdB ab 70 gibt es eine um 50 % ermäßigte Bahncard. U. U. ist auch die Mitfahrt einer notwendigen Begleitperson unentgeltlich. Für Freifahrten im Nahverkehr benötigt man einen Schwerbehindertenausweis mit Wertmarke, die beim Versorgungsamt erhältlich ist. Im Stadtverkehr werden häufig Niederflurbusse und Niederflurstraßenbahnen eingesetzt, die barrierefrei genutzt werden können, wenn die Haltestellen mit einem Hochbord ausgestattet sind.

Das Interieur von Flugzeugen setzt der Mobilität leider Grenzen, da Gänge und Toiletten sehr eng sind. Die Airlines sind jedoch bei rechtzeitiger Voranmeldung mit Angabe der Behinderungsart und der benötigten Hilfsmittel verpflichtet, Rollstühle und Blindenhunde kostenlos zu transportieren. Um spätere Probleme zu vermeiden, ist es sinnvoll, vom Reiseveranstalter oder der Fluggesellschaft eine schriftliche Bestätigung der Anmeldung zu verlangen.

Grundsätzlich ist es auch Menschen mit Behinderung möglich, einen Pkw-Führerschein zu erwerben, sofern bestimmte Auflagen erfüllt werden, die der Kompensation der körperlichen Einschränkung dienen. Sowohl neue als auch gebrauchte Autos können mit Liften, Spezialgurten und besonderen Gas-, Brems- und Lenksystemen individuell nach den Bedürfnissen ihres Fahrers umgebaut werden. In Behindertenfahrschulen lernen die Betroffenen oft mühelos den Umgang mit den ungewohnten Hilfsmitteln. Zu Führerschein und Fahrzeugausstattung gibt es Finanzierungshilfen vom Rehabilitationsträger.

Wer als Rollstuhlfahrer viel unterwegs ist, sollte sich unbedingt einen Euroschlüssel zur Benutzung öffentlicher Toiletten zulegen. Das System ist auf Autobahnraststätten weit verbreitet und ermöglicht das Aufsuchen einer Behindertentoilette ohne Unterstützung des Servicepersonals.

Hilfmittel

Für geheingeschränkte Menschen ist vor allem der Rollator im häuslichen Umfeld ein nützlicher Begleiter. Bei starker Beeinträchtigung oder für weitere Strecken wird jedoch ein Rollstuhl benötigt. Testberichte und Vergleiche finden sich im Internet, die Beratung durch ein Sanitätshaus, in dem die Produkte auch getestet werden können, ist jedoch dadurch kaum zu ersetzen. Für die Kostenübernahme ist eine ärztliche Verordnung Voraussetzung, beim Antragsverfahren unterstützt auf Wunsch eine der vielen Reha-Servicestellen. Der alltägliche Umgang mit dem Rollstuhl wird bei Mobilitäts-Trainingskursen vermittelt, bei denen auch Rollstuhlsport- und Spielmöglicheiten vorgestellt werden. Damit Rollstuhlfahrer sich barrierefrei durch deutsche Großstädte manövieren können, wurde die kostenlose smartphon-basierte Navigationshilfe „EasyWheel“ entwickelt. Bei Treppen, hohen Bordsteinkanten und defekten Aufzüge zeigt das System Alternativen auf.

Wohnen

Vor allem im eigenen Heim sollte alles so ausgerichtet sein, dass die selbstständige Aktivität erhalten bleibt. Um das Aufstehen zu erleichtern, sollte die Sitzhöhe von Stühlen, Sesseln und auch Bett nicht zu niedrig sein. Stolperschwellen und Anstoßfallen wie Teppichkanten, lose Kabel und Türschwellen sollten vermieden werden. Teppichböden bieten einen sichereren Gang als Stein oder Parkett, sollten aber rollstuhlgeeignet und nicht elektrostatisch aufladbar sein. Alle Räume sollten barrierefrei, also ohne Stufen und Treppen zugänglich sein, notfalls muss ein Lift Hilfestellung bieten. Schiebetüren erleichtern den Zugang, eine Schwingtüre muss auf jeden Fall genug Bewegungsfreiheit bieten. Sitzhocker und Haltegriffe in der Dusche sowie ein rutschhemmender Bodenbelag bieten Sicherheit im Badezimmer. In der Küche sollten Herd, Arbeitsplatz und Spüle unterfahrbar sein. Wer barrierefrei bauen möchte, kann sich Basisinformationen in der Broschüre „BSK-Soforthilfe-Planungsberater“ beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter e. V. beschaffen: Tel.: 0 62 94/42 81 12 oder www.bsk-ev.org.

Quelle: Befund MS 3/2010

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