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MS-Patientin als Hundetrainerin aus Leidenschaft

„Wie Assistenzhunde das Leben erleichtern können“

Seit über 30 Jahren leide ich an den Folgen von MS, davon 20 Jahre unerkannt. Mit den Jahren sind noch andere chronische Erkrankungen, wie Fibromyalgie und Osteochondrose dazugekommen. Ich verlor meine Leistungsfähigkeit, meinen Beruf und auch sportliche Aktivitäten, wie Fahrradfahren und Joggen, waren nicht mehr drin.

In den ganzen Jahren hatte ich aber immer eines meiner „Mädchen“ (Rottweiler) an meiner Seite.

Als Gunda fünf Jahre alt war, habe ich mit ihr nochmals die Hundeschule besucht und einige Kurse absolviert. Es fiel mir erst schwer, aber dabei entdeckte ich auch Gundas Fähigkeiten, mir zu helfen. Ich fing mit ihrer Ausbildung an und machte selbst eine Ausbildung zum Hundetrainer. Eineinhalb Jahre später war es soweit: Gunda war „mein persönlicher Helfer“ geworden und ich arbeite als „Trainerin für Menschen mit Hund“.

So individuell die Einschränkungen der erkrankten Menschen sein können, so individuell muss auch der Hund ausgebildet werden. Es gibt viele Bezeichnungen für Hunde, die eingeschränkten Menschen als Helfer „dienen“. Behindertenbegleithund, Assistenzhund, Servicehund oder auch Hund für lebenspraktische Fertigkeiten, aber keine dieser Bezeichnungen trifft exakt zu. Schon allein die Anwesenheit des geliebten Hundes ist eine große Hilfe, um „psychische Tiefs“ besser zu verarbeiten. Ein Hund lebt im „Hier und Jetzt“ und nimmt den Menschen so an, wie er ist. Der Hund fragt nicht, was gestern war oder was morgen sein könnte, und hat die Fähigkeit „uns“ aufzumuntern, zu beruhigen und zu trösten, allein durch seine Anwesenheit. Auch dient der Hund als Vermittler von Kontakten zu anderen Menschen, weil es immer ein Gesprächsthema gibt. Meine Dora hilft mir manchmal, „über meine Grenzen“ zu gehen. Wenn ich mit ihr trainiere, mache ich oft unwillkürlich Bewegungen, die ich aus Angst vor Schmerzen sonst nicht mehr machen würde. Das steigert wiederum meine Mobilität.

Für wen sind Assistenzhunde geeignet?

Für jeden, der gern sein Leben mit einem Hund teilt und bereit ist, den Hund und seine „tierischen Eigenarten“ zu respektieren. Ein Assistenzhund ist ein sehr gut erzogener Familienhund, der ein paar „Aufgaben“ mehr erlernt hat. I. d. R. brauchen sich körperlich eingeschränkte Menschen keine Sorgen zu machen, dass sie einem Hund nicht gerecht werden können. Die „Gassirunde“ ist auch im Rollstuhl möglich, und wer sich mit anderen Hundehaltern verabredet, bietet dem Hund auch ausreichend Sozialkontakte zu anderen Hunden und Spielmöglichkeiten. Wenn ein Welpe ins Haus kommt, bei Tierarzt- oder Hundefriseurbesuchen ist allerdings die Hilfe von Familie oder Freunden notwendig.

Wobei können Assistenzhunde körperlich eingeschränkten Menschen helfen?

Das hängt von den persönlichen körperlichen Einschränkungen ab. Ich z. B. kann mich schlecht bücken, also hebt Dora (Gunda musste mit acht Jahren erlöst werden, weil sie Knochenkrebs bekam, auch das gehört zur Hundehaltung dazu) für mich heruntergefallene Gegenstände auf und gibt sie mir in die Hand. An Tagen, an denen ich schlecht gehen kann, holt sie mir Gegenstände, auch aus anderen Räumen, damit ich meine Beine entlasten kann. Auch beim Entkleiden von Strümpfen, Jacke und Hose ist sie mir oft behilflich. Andere Hunde öffnen Türen, betätigen Lichtschalter, tragen den Einkaufskorb – es gibt viele Aufgaben, die ein Hund übernehmen kann.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Grundsätzlich sollte die Ausbildung immer individuell, abgestimmt auf das Mensch/Hundteam sein. Es gibt zwei Möglichkeiten der Ausbildung. Wenn Sie einen „fertig“ ausgebildeten Hund haben möchte, wenden Sie sich am besten an einen der verschiedenen Vereine (Empfehlungen siehe unten). Dabei ist zu beachten, dass eine sehr gute Einschulung gemacht wird. Das bedeutet, dass der Trainer, der den Hund ausgebildet hat, so lang bei Ihnen bleibt und Sie im Umgang mit dem Hund unterrichtet, bis Sie in der Lage sind, mit dem Hund weiter zu „arbeiten“. Auch Nachschulungen müssen jeder Zeit gewährleistet sein und im „Notfall“ muss der Trainer zumindest telefonisch für Sie erreichbar sein.

Oder Sie bilden sich Ihren Hund, unter Anleitung eines erfahrenen Trainers, selbst aus. Die Suche nach dem „richtigen Trainer“ ist nicht einfach! Sie sollten den Trainer sorgfältig auswählen und auch erfragen, welche Qualifikationen er besitzt. Fragen Sie auch nach Beispielen und ob Sie bei einer Trainingsstunde zuschauen können. Wichtig ist vor allem Ihr Bauchgefühl. Sie müssen sich mit dem Trainer und seinen Ausbildungsmethoden wohl fühlen. Der Trainer sollte nicht zu weit weg wohnen und auch zu Nachschulungen bereit sein. Die Ausbildung dauert ca. zwei Jahre und ist „Fleißarbeit“. Wenn Sie sich für einen Welpen entscheiden sollten, dauert es ca. drei Jahre, bis sich aus dem Fellknäuel ein Assistenzhund entwickelt hat. Ein guter Trainer kann Ihnen schon bei der Auswahl des Welpen behilflich sein.

Gibt es Hunderassen, die besonders geeignet sind?

Oft werden Golden oder Labrador Retriever genommen, weil sie gern apportieren. Grundsätzlich sind aber viele Rassen und Mischlinge geeignet. Dabei ist der Charakter des einzelnen Hundes ausschlaggebend. Auch Hunde, die schon in der Familie leben, sind oft gut zu Assistenzhunden auszubilden, unabhängig vom Alter des Hundes. Es kommt auf die Bedürfnisse des Menschen an. Wenn ein Hund z. B. Türen öffnen soll, muss er schon eine gewisse Größe haben. Ein kleinerer Hund kann gut Gegenstände aufheben und sie dem sitzenden Menschen abgeben.

Eva Heinrichs
Alte Peiner Heerstr. 91, 30659 Hannover, Tel.: 05 11/61 33 67

Quelle: Befund MS 3/2010

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