Multiple Sklerose (MS) ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems. Das Zentralnervensystem (ZNS) des Menschen ist für die Koordination von Bewegungsabläufen und die Integration von äußerlichen und innerlichen Reizen zuständig.
Gangstörungen und Gangunsicherheit gehören zu den häufigen Symptomen bei MS. Ursache sind i. d. R. Schädigungen von Nervenbahnen, die für die Bewegung zuständig sind. Doch kommen u. U. auch andere Ursachen wie Fatigue oder die Einnahme bestimmter Medikamente sowie von der MS unabhängige gesundheitliche Probleme (z. B. Kreislaufstörungen) für Probleme beim Gehen infrage. Deshalb muss auch bei MS zunächst eine genaue Diagnostik stattfinden, um den Auslöser für Gangunsicherheiten zu finden.
Zu den häufigsten Gangstörungen gehört ein breitbeiniger, unsicherer Gang, der oft durch MS-bedingte Störungen der Koordination und des Gleichgewichtssinns (Ataxie) hervorgerufen wird. Etwa 50% aller MS-Patienten in Deutschland sind dem deutschen MS-Register zufolge von einer Ataxie betroffen, Diese kann sich auch durch andere Symptome (z. B. unsicheres Greifen) äußern. Auch Spastik – also die erhöhte Spannung der Muskulatur bzw. bestimmter Muskeln – führt oft zu Gangstörungen und Gangunsicherheiten, vor allem zu einer verringerten Gehgeschwindigkeit und verkürzten Gehstrecken, aber auch zu Problemen beim Treppensteigen. Auch Lähmungen können das Gehen erschweren oder unmöglich machen. Für alle Gangstörungen oder -unsicherheiten gilt: Betroffene sollten möglichst rasch den Arzt aufsuchen, wenn erstmals Probleme mit dem Gehen auftreten. Denn je schneller eine Behandlung eingeleitet wird, umso wirkungsvoller ist sie i. d. R.
Bewegung hilft dabei, beweglich zu bleiben. Diese Binsenweisheit gilt auch bei Spastik und Ataxie, ja in gewissem Rahmen auch bei Lähmungserscheinungen, bei denen Physiotherapeuten passive Bewegungsübungen durchführen, z. B. damit die Muskeln sich nicht verkürzen. Die für die jeweilige Störung sinnvollen Bewegungsübungen sollten zunächst unter physiotherapeutischer Anleitung durchgeführt werden, damit sie korrekt ablaufen und die Patienten nicht z. B. eine Schonhaltung einnehmen. I. d. R. stellen Physiotherapeuten zudem ein individuelles Bewegungsprogramm zusammen, das die Betroffenen auch zu Hause täglich oder mehrmals am Tag durchführen können. Bei sehr starker Muskelspannung führen Physiotherapeuten ebenfalls passive Bewegungsübungen durch, die die Muskulatur lockern.
Bei einer Ataxie wird die physiotherapeutische Behandlung oft durch Ergotherapie ergänzt, etwa damit MS-Patienten, bei denen neben einer Gangunsicherheit auch Probleme mit dem Greifen bestehen, Koordinations- oder auch Kompensationsübungen erlernen, die ihnen u. a. dabei helfen, ihre Selbstständigkeit zu erhalten.
In vielen Fällen werden in der Physiotherapie auch Geräte eingesetzt, die dazu beitragen, den normalen Bewegungsablauf beim Gehen wiederzuerlernen. Dazu gehört z. B. die Therapie auf dem Laufband, bei der die Patienten sich entweder mit den Armen festhalten können oder u. U. angegurtet werden, um das Sturzrisiko zu minimieren. Daneben gibt es Geräte, bei denen die Patienten nicht nur von einem Gurtsystem gehalten werden, sondern bei denen die Beine der Betroffenen durch eine elektrisch angetriebene Gangorthese geführt werden. Auf diese Weise sollen Bewegungsabläufe wieder automatisiert und die Gehfähigkeit verbessert werden.
Bei einer Ataxie spielt auch das Gleichgewichtstraining eine große Rolle, das in der physiotherapeutischen Praxis oft mithilfe von verschiedenen Geräten (z. B. einem Balancetrainer, einem Gerät, in dem der Patient angegurtet steht) durchgeführt wird, die dem Patienten rückmelden, ob er die Bewegungen – z. B. die Verlagerung des Körperschwerpunkts – korrekt ausführt.
Hilfreiche Medikamente gegen Ataxie gibt es bislang nicht. Gegen Spastik, die zu Gangstörungen führt, kommen Medikamente zum Einsatz, die den Muskelwiderstand herabsetzen, z. B. Baclofen. Allerdings sollten diese individuell dosiert werden, denn manche Patienten brauchen eine gewisse Spastik, um laufen zu können. Sollte keines der gebräuchlichen Antispastika helfen, kann bei mittelschwerer und schwerer Spastik ein Versuch mit einem Cannabismittel sinnvoll sein, das jedoch nur verordnet wird, wenn alle anderen Präparate keine ausreichende Wirkung erzielt haben.
Botulinumtoxin, das gespritzt wird, ist eine weitere Option. Daneben gibt es den Wirkstoff Fampridin, der die Gehfähigkeit verbessern kann, der bei Patienten mit einer Gehbehinderung von Grad 4 bis 7 auf der EDSS-Skala (Expanded Disability Status Scale zur Bewertung neurologischer Defizite) zugelassen ist.
Bei Ataxien, die Gangstörungen bedingen, kann u. U. auch das Erlernen einer Entspannungsmethode hilfreich sein. Hilfreich sind Entspannungsmethoden, die man zwischendurch durchführen kann, ohne dass andere es merken. Dazu zählen z. B. die Muskelentspannung nach Jacobson oder auch Atementspannungsübungen. Denn je entspannter man ist, umso besser klappt es oft mit der Koordination.
Auch Hilfsmittel können die Gangsicherheit erhöhen. Bei Spastik sind das z. B. Beinschienen oder spezielle Schuhe, bei Spastik und Ataxien auch Gehstöcke, Gehhilfen oder Rollatoren. Die Benutzung eines solchen Hilfsmittels kann helfen, weiterhin mobil zu bleiben. Vor allem stellt sich beim Gehen mit Hilfsmitteln auch ein gewisser Trainingseffekt ein, der dabei hilft, auch langfristig selbstständig zu bleiben.
Quelle: Befund MS 1/2015