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Tanzen zieht sich durch unser ganzes Leben

„Ich werde auch noch tanzen, wenn ich irgendwann im Elektro-Rollstuhl sitzen sollte.“ Davon ist Birgit Habben-Kober, die 1996 die Diagnose MS erhielt, fest überzeugt. Sie und ihr Mann Reiner Kober gewannen im April 2012 die Deutsche Meisterschaft im Rollstuhltanz in der Leistungsstufe Kombi Standard LWD 1.

Für Birgit Habben-Kober stand bereits nach der Feststellung der MS außer Frage, dass sie ihr größtes Hobby nicht aufgeben würde: „Ich tanze, seitdem ich 14 Jahre alt bin. Auch mein Mann hat schon getanzt, bevor wir einander kannten. Tanzen zieht sich durch unser ganzes Leben. Wir haben uns sogar über das Tanzen kennengelernt. Als ich aus beruflichen Gründen ins Ruhrgebiet zog, suchte ich – damals noch Fußgängerin – einen Tanzpartner. Über eine Annonce lernte ich nach einiger Zeit Reiner kennen.“

Es sollte nicht nur beim Tanzen bleiben. 1996 heiratete das Paar. In den darauffolgenden Flitterwochen in Kanada hatte Birgit Habben-Kober ihren ersten bekannten MS-Schub. Von einem Tag auf den anderen konnte sie fast nicht mehr laufen. Als Erstes dachte sie an einen Bandscheibenvorfall. Wieder in Deutschland suchte sie einen Orthopäden auf, der die Bandscheibe als Ursache jedoch sehr schnell ausschloss und sie zu einem Neurologen überwies. Dieser sprach von einer „entzündlichen Nervengeschichte“ – der Begriff Multiple Sklerose fiel nicht. Sehr rasch kam der ländlichen Hauswirtschaftsleiterin jedoch der Gedanke, dass es sich um MS handeln könne.

„Als ich am Telefon meinen Verdacht auf MS äußerte, wurde mir sofort ein Bett frei gehalten“, so Birgit Habben-Kober. „Drei Tage später kam ein Assistenzarzt zu mir und meinte: ‚Sie hatten leider recht.‘ Ich war schon ziemlich gefasst, aber die Gewissheit musste ich dann doch erst mal verarbeiten. Die Gangprobleme bilden sich nicht wieder vollständig zurück, und so mussten sie und ihr Mann sich natürlich in vielerlei Hinsicht umstellen. Eine der negativsten Erfahrungen war der Ärger mit ihrem damaligen Arbeitgeber, den sie schließlich vor dem Arbeitsgericht verklagte. „Kämpferisch war ich schon immer“, lacht Birgit Habben-Kober. „Sonst hätte ich mich vermutlich zwischen 1998 und 2000 nur noch schwer aufrappeln können.“ In dieser Zeit ließen sie zehn sehr schwere MS-Schübe mehr Zeit im Krankenhaus und in der Reha-Klinik verbringen als zu Hause.

„Ich habe mich immer wieder hochgearbeitet. Doch selbst, als ich hochgelähmt im Rollstuhl saß, war mir klar, dass ich wieder tanzen würde. Wenn nicht als Fußgängerin, dann als Rollstuhlfahrerin. Ich wundere mich immer über Rollstuhlfahrer/-innen die darüber klagen, dass sie früher z. B. begeistert Tennis gespielt haben, ihren Sport aber aufgrund ihres Handicaps aufgaben. Ich sage dann immer: Probier doch einfach mal aus, ob es nicht auch mit Rollstuhl klappt, oder suche dir einen anderen Sport, der dir Spaß macht! Denn Sport treiben bei MS hilft enorm, die psychischen und physischen Probleme zu bewältigen.“

Die Übungsleiterin für Reha- und Rollstuhlsport ist der Ansicht, dass gehandicapte Menschen mit individuell angepassten Hilfsmitteln in vielen Fällen ein weitgehend selbstständiges Leben führen könnten. Oft – so ihre Meinung – liegt es z. B. an einem falschen oder zumindest falsch eingestellten Rollstuhl, wenn sich Rollstuhlfahrer/-innen lieber schieben lassen, als selbst zu fahren. Hinzu komme, dass viele nicht die richtigen Techniken im Umgang mit dem Rollstuhl erlernen würden. Mit relativ wenig Kraftaufwand lasse sich ein Rollstuhl z. B. kippen, wenn man nur wisse, wie. Die Angst vor dem Rollstuhl muss man erst verlieren und erkennen, dass man viel mehr Lebensqualität hat, die ohne Rollstuhl nicht möglich wäre. Außerdem sind viele MS-Betroffene viel leistungsfähiger als sie glauben!

„Leider sind oft auch die Angehörigen nicht ganz unschuldig, wenn MS-Betroffene sehr passiv werden. Viele trauen ihrem gehandicapten Angehörigen nichts mehr zu, sondern nehmen ihm alles ab. In meinen Rollstuhltrainingskursen setze ich deshalb auch Angehörige in den Rollstuhl, damit diese lernen zu erkennen, wo Hilfsbedarf notwendig ist und wo nicht. Ich kann allen Rollstuhlfahrern/-innen nur empfehlen, sich sehr intensiv mit der Hilfsmittelversorgung auseinanderzusetzen und Rollstuhl fahren immer wieder, vor allem nach Schüben intensiv zu trainieren.“

Was sich alles erreichen lässt, dafür sind Birgit Habben-Kober und Reiner Kober ein Musterbeispiel. Mit Birgit Habben-Kobers Tanzrollstuhl, von ihrem Sponsor speziell für ihre Bedürfnisse angefertigt, fahren bzw. fliegen die Deutschen Meister 2012 u. a. nach Wiesbaden, Malta, Bratislava und in die Niederlande. Die Kosten für Turnierbekleidung, Trainer, Gesundheitszeugnisse, Reisen, Vereine usw. müssen Birgit Habben-Kober und ihr Mann allein tragen, sofern sich nicht Sponsoren beteiligen, und diese sind schwer zu bekommen. Das Ehepaar startet in der Kombi-Standard-LWD 1-Klasse (LWD = Level of wheelchair dancing), der Gruppe der Rollstuhltänzer, bei denen der bzw. die Rollstuhlfahrer/-in eine Oberkörper- und/oder Armbehinderung hat. Die Abkürzung Kombi besagt, dass der eine Partner Fußgänger ist, während der andere im Rollstuhl sitzt. Für den Rollstuhltanzsport gelten die gleichen Anforderungen wie für nicht behinderte Tanzsportler/-innen. Erschwerend kommt beim Rollstuhltanz hinzu, dass es bei Turnieren keine verschiedenen Altersklassen gibt. Birgit Habben-Kober (47) und ihr Mann müssen daher auch gegen Kontrahenten antreten, die z. T. 25 Jahre jünger sind als sie. Trotzdem erreichten sie beim Worldcup in Cuijk dieses Jahr den neunten Platz.

Außerhalb der Turniere kümmert sich das Paar um den Nachwuchs im Rollstuhltanz. Birgit Habben-Kober und Reiner Kober sind Co-Trainer und Organisatoren der Rollstuhltanzgruppe in der MTG Horst in Essen. Neue Paare sind immer herzlich willkommen (www.mtg-horst.de/breitensport/behindertensport/). Außerdem engagiert sich Birgit Habben-Kober als Betroffenenberaterin in der DMSG-Ortsvereinigung Bochum. Sie leitet den Stammtisch 40+, ein lockeres Zusammentreffen von MS-Betroffenen ab 40 Jahren. Interessierte können jederzeit zwanglos vorbeischauen (www.dmsg-bochum.de).

Quelle: Befund MS 3/2012

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